Auch muslimische Kinder und Fußballspieler sind in Amerika und Europa nicht davor gefeit, zur Zielscheibe des Rassismus zu werden

Während seit dem blutigen Hamas-Angriff auf Israel am 7. Oktober täglich hunderte Palästinenser durch die israelischen Angriffe auf Gaza getötet und verletzt werden, kommt es in Europa zunehmend zu Wellen von Feindseligkeit und Hass gegenüber Arabern und Muslimen, begünstigt vom Aufstieg der extremen Rechten und der Dominanz populistischer Ideen.

Die Zunahme rassistischer Tendenzen und Hassverbrechen gegen Einwanderer erfasste viele Länder, von Amerika über Frankreich und Grossbritannien bis nach Deutschland. Nicht einmal Kinder und bekannte Fußballspieler blieben verschont.

Aber die extremistischen Stimmen, die ihre Wut gegen die seit Jahrzehnten unter israelischer Besatzung lebenden Palästinenser richteten, waren offensichtlich nicht allein auf der Bühne. Vielmehr gab es in diesen und dutzenden anderen Ländern Demonstrationen mit tausenden von Teilnehmern. Dabei wurde auch die palästinensische Flagge gehisst.

Es began in den USA

Dort wurde am 16. Oktober ein schreckliches Hassverbrechen verübt, bei dem ein sechsjähriges palästinensisches Kind erstochen und seine Mutter mit zwölf Stichwunden am Körper verletzt wurde.

Nach Angaben der US-Polizei beging ein 71 Jahre alter Mann aus einem Vorort von Chicago ein Hassverbrechen, indem er ein sechsjähriges palästinensisches Kind tötete und eine 32 Jahre alte Frau schwer verletzte.

Das Büro des Bezirkssheriffs von Will County sagte in einer in den sozialen Medien veröffentlichten Erklärung: „Die Ermittler konnten feststellen, dass beide Opfer dieses brutalen Angriffs aufgrund ihrer muslimischen Identität sowie des anhaltenden palästinensich-israelischen Konflikts im Nahen Osten zur Zielscheibe des Verdächtigen wurden.“

Laut Textnachrichten der Mutter an den Vater des Jungen, die CARE International (einer der größten Organisationen in den Vereinigten Staaten) übermittelt wurden, versuchte der Besitzer, die Frau zu erwürgen, als sie die Tür öffnete. Dann stach er auf sie ein und schrie: „Ihr Muslime, ihr müsst sterben!“ Die Mutter rannte ins Badezimmer, um den Notruf anzurufen. Als sie wieder heraus kam, sah sie, dass der Mann ihren Sohn erstochen hatte.

„Alles geschah innerhalb von Sekunden“, schrieb die Frau laut Care in einer SMS. Die Beamten fanden den 71-jährigen Verdächtigen aufrecht auf dem Boden sitzend in der Nähe der Einfahrt des Hauses.

Das Ausmaß der Tragödie und des Schocks, die die amerikanische Gesellschaft trafen, veranlasste Präsident Joe Biden zur Verurteilung der Ermordung des palästinensischen Kindes, die er als „schrecklichen Akt des Hasses“ bezeichnete. Biden sagte in einer Erklärung: „Dieser schreckliche Akt des Hasses hat in Amerika keinen Platz und widerspricht unseren Grundwerten: frei zu sein von Angst in der Art und Weise, wie wir beten, was wir glauben und wer wir sind.“ Er fügte hinzu, dass er für die Genesung der Mutter des Kindes, die beim dem Angriff ebenfalls schwer verletzt wurde, bete.

Nach Angaben der Polizei wurden in New York drei Vorfälle gegen Palästinenser und Juden gemeldet.

Arabische Spieler stehen im Fadenkreuz von Anschuldigungen

Von Kindern bis zu arabischen Fußballspielern waren Menschen, die es wagten, in den sozialen Medien ihre Solidarität mit der belagerten Bevölkerung von Gaza zum Ausdruck zu bringen, vielfachen Angriffen ausgesetzt.

Während sich alle noch mit Bewunderung an die herzliche Aufnahme der Ukrainer erinnern, die vor dem Feuer der russischen Armee geflohen waren, werden laut Menschenrechtsaktivisten Flüchtlinge afrikanischer und arabischer Herkunft nicht auf dieselbe Weise willkommen geheißen.

Es scheint, dass derzeit ein Wettbewerb zwischen der Rechten und der extremen Rechten darüber entbrannt ist, wer in den Augen der Massen am feindlichsten gegenüber Einwanderern erscheint. In Frankreich und Deutschland forderten solche Stimmen den Ausschluss arabischer Fussballspieler und den Entzug ihrer Staatsbürgerschaft, weil sie ihre Sympathie für das seit 17 Jahren belagerte Gaza bekundet hatten.

Die französische Parlamentarierin Valérie Pouilly verlangte in diesem Zusammenhang, dem internationalen Fußballspieler algerischer Herkunft, Karim Benzema, die französische Staatsbürgerschaft zu entziehen, nachdem er sein Mitgefühl für die palästinensischen Bewohner von Gaza geäußert hatte.

Benzema’s „Verbrechen“ war es, in sozialen Netzwerken eine Nachricht zu posten, in der er sein Mitgefühl für die Bewohner der Stadt Gaza zum Ausdruck brachte. Er hatte geschrieben: „Alle unsere Gebete gelten den Opfern von Gaza gegen die ungerechtfertigten Bombenangriffe, die weder Frauen noch Kinder verschonen.“

Die der politisch rechts stehenden Republikanischen Partei angehörige Parlamentarierin schrieb: „Wenn Benzema, wie vom Innenminister bestätigt, Beziehungen zur Muslim Bruderschaft hat, dann fordere ich Sanktionen gegen ihn, insbesondere den Entzug der französischen Staatsbürgerschaft. Wir müssen gegen diejenigen vorgehen, die unser Land ständig bedrohen.”

Sie fügte hinzu: „Wir können nicht zulassen, dass ein französischer Staatsbürger und bekannter internationaler Spieler unser Land auf solche Weise beleidigt oder verrät.“

Pouilly forderte nicht nur, dass Benzema die französische Staatsbürgerschaft entzogen wird, sondern auch, dass ihm der Ballon d’Or, den er im vergangenen Jahr gewann, sowie alle anderen Preise, die er von Frankreich verliehen bekam, aberkannt werden.

Der französische Innenminister Gérald Darmanin hatte in Presseerklärungen gesagt: „Herr Benzema unterhält, wie wir alle wissen, eine berüchtigte Beziehung zur Muslimbruderschaft.“

Karim Benzemas Anwalt betonte in bezug auf die Forderung, dem Nationalspieler die französische Staatsbürgerschaft zu entziehen, dass ein solcher Akt vollkomment illegal sei. Er wies darauf hin, dass der Spieler keine andere Staatsangehörigkeit besitze und ihm daher die Staatsbürgerschaft nicht entzogen werden könne.

In einem Post auf der Plattform „X“, vormals Twitter, sandte der prominente linke französische Politiker Jean-Luc Mélenchon eine Unterstützungsbotschaft an den ehemaligen Stürmer von Real Madrid.

Der Vorsitzende der linken Partei begann mit den Worten: „Hallo, Herr Benzema. Ich kenne Sie nicht und weiß nichts über Fußball. Aber die französische Regierung und ihre Freunde haben beschlossen, Ihr Image zu verzerren, indem sie Sie ‘Franzose nur auf dem Papier‘ nennen.“

Mélenchon fuhr fort: „Mit Feinden, die solche Worte über Sie sagen, müssen Sie ein besonderer Mensch ohne ethnisch oder religiös begründeten Hass sein. Frankreich gehört jedem, der es sich aussucht und wer uns beleidigt, hat es nicht verdient.“

Benzema wurde in Lyon als Sohn algerischer Eltern aus Oran geboren. Er begann seine Fußballkarriere 2005 bei seinem Heimatverein Olympique Lyonnais. Er trug mit Unterbrechungen dazu bei, dass der Verein dreimal den französischen Meistertitel gewann. 2008 wurde er von der französischen Fussballer-Gewerkschaft zum besten Spieler und Mitglied der besten Mannschaft des Jahres gewählt, nachdem er die Saison als bester Torschütze der französischen Nationalliga beendet und seinen vierten Meistertitel sowie seinen ersten französischen Nationalpokal, den Coup de France, gewonnen hatte. 2009 wechselte Benzema vom französischen Fussballverband zu Real Madrid und unterzeichnete einen Vertrag im Wert von 35 Millionen Euro.

Zu Beginn der laufenden Saison von Real Madrid wechselte Benzema zum saudischen Klub Al-Ittihad.

Deutschland ist keine Ausnahme

Während in Deutschland die Integrationsbeauftragte in Berlin, Katarina Niewiedzial, vor der Zunahme des antimuslimischen Rassismus in der Hauptstadt warnte, forderte ein Parlamentsmitglied der Opposition die Ausweisung des marokkanischen Nationalspielers Noussair Mazraoui, der für den FC Bayern München spielt. Der Vorsitzende des Zentralrats der Juden forderte den Verein auf, härtere Maßnahmen gegen den Spieler zu ergreifen, nachdem er in den sozialen Medien Tweets zur Unterstützung von Gaza gepostet hatte.

Der Bundestagsabgeordnete der oppositionellen CDU, Johannes Steininger, postete auf seinem Account auf der Plattform „X“: „Der Verein von Kurt Landauer, der von den Nazis als ‘Juden-Club’ bezeichnet wurde, darf das so nicht stehen lassen. Lieber FC Bayern: bitte sofort raus schmeißen. Zudem sollten alle staatlichen Möglichkeiten genutzt werden, ihn aus Deutschland zu verweisen.“

Im gleichen Zusammenhang äußerte der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Joseph Schuster, den Wunsch, strengere Maßnahmen gegen den marokkanischen Spieler zu ergreifen.

In Stellungnahmen gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“ vom Dienstag, den 24. Oktober, forderte Schuster „sichtbar harte Konsequenzen für den Spieler“ und fügte hinzu, dass Bayern München dafür sorgen müsse, dass sich „Entgleisungen solcher Art“ nicht wiederholten, so die Webseite der „Deutschen Welle“.

Der Vorstand des FC Bayern München hat Mazraoui nach einem ausführlichen klärenden Gespräch nicht sanktioniert, wie es in einer Vereinserklärung heisst. Der marokkanische Verteidiger kehrte nach der Kontroverse, die sein Post ausgelöst hatte, zum Training des FC Bayern München zurück, nachdem er sich von einer Muskelverletzung erholt hatte.

Gaza ist seit mehr als drei Wochen täglichen israelischen Bombenangriffen ausgesetzt. Dabei wurden etwa 8.000 Palästinenser getötet, die meisten davon Frauen und Kinder.

Der marokkanische Verteidiger Noussair Mazraoui hatte auf Instagram einen kurzen Clip im Stil eines Gebets gepostet: „Gott, hilf unseren unterdrückten Brüdern in Palästina, damit sie den Sieg erringen. Möge Gott den Toten Gnade schenken, möge Gott ihre Verwundeten heilen.“ Im Clip wurde auch die wehende palästinensische Flagge gezeigt.

Neben Mazraoui standen auch andere Bundesliga-Spieler wegen ihrer Sympathie für die Palästinenser im andauernden Krieg zwischen Israel und der Hamas in der Kritik, darunter der Tunesier Aïssa Laïdouni, Mittelfeldspieler für den deutschen FC Union Berlin, der Niederländer marokkanischer Herkunft Anwar El Ghazi, der für den deutschen Verein Mainz 05 spielt, sowie Klaus Gjasula, ein deutscher Spieler albanischer Herkunft beim SV Darmstadt.

Nach Medienberichten forderten einige Stimmen in letzter Zeit die Einführung eines neuen Gesetzes, das vorschreibe, in den Vertrag eine Klausel aufzunehmen, die jeden Spieler dazu verpflichte, die Existenz des Staates Israel anzuerkennen. Die Bild-Zeitung nannte diese Klausel „Israel Strafklausel“.

Hassverbrechen in Grossbritannien

Der von Israel im palästinensischen Gazastreifen geführte Krieg hat in Grossbritannien zu einem Rekordanstieg von Hassverbrechen geführt. Zwischen dem 1. und dem 18. Oktober registrierte die Polizei mehr als 100 Fälle von Angriffen auf Muslime, verglichen mit 42 im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Antisemitische Straftaten stiegen im selben Zeitraum von nur zwei Fällen auf 218 Fälle.“

Der stellvertretende britische Premierminister Oliver Dowden sagte gegenüber Times Radio, dass Grossbritannien am Donnerstag eine Sitzung des Notfallausschusses der britischen Regierung einberufen werde, um das Vorgehen in bezug auf Gaza sowie die Strategie im Konflikt zwischen Israel und der palästinensischen Hamas-Bewegung zu besprechen.

Die auf die Dokumentation von Hassverbrechen in Grossbritannien spezialisierte Organisation Tell MAMA registrierte zwischen dem 7. und 19. Oktober etwa 300 Berichte über Verbrechen gegen Muslime, verglichen mit nur 6 Berichten im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Die Organisation wies darauf hin, dass diese Verbrechen in verschiedenen Regionen in ganz England verübt wurden.

Nach Medienberichten haben sich die Vorfälle von Antisemitismus und Islamfeindlichkeit in London in etwas mehr als einer Woche fast verdoppelt.

Der Londoner Polizeibeamte Kyle Gordon sagte, dass in der britischen Hauptstadt von Anfang dieses Monats bis Freitag 408 antisemitische Vorfälle registriert wurden, verglichen mit 28 Vorfällen im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Von Islamophobie motivierte Straftaten stiegen von 65 im vergangenen Jahr auf 174.

Im Gespräch mit Reportern fügte er hinzu, dass sich die Zahl beider Arten von Straftaten im Vergleich zu den Zahlen vor einer Woche fast verdoppelt habe.

Der Londoner Polizeibeamte betonte: „Meine Kollegen gehen seit Beginn des Konflikts zwischen Israel und den Palästinensern weiterhin unerbittlich gegen jedes Hassverbrechen vor, mit dem sie konfrontiert werden.“ Er bestätigte, dass die Polizei im Zusammenhang mit dem anhaltenden Konflikt im Nahen Osten 75 Personen festgenommen habe.

 

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